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Was in keinem Lebenslauf steht

Essay · Führung · Unternehmertum · Gesellschaft

Ein persönlicher Essay über Herkunft, Verantwortung, sieben schwere Jahre und die Erfahrungen, die keinen Platz in Zeugnissen finden.

Von Markus Ley
Lesezeit: ca. 8 Minuten
Veröffentlicht auf LeySelect.com

Wenn Menschen meinen Lebenslauf lesen, sehen sie meistens den Geschäftsführer, den Unternehmer und den Personalberater. Sie sehen LeySelect, meine Jahre als Managing Director bei Hays, die Vorstandsverantwortung bei Allgeier, die Rolle als COO bei Etengo und schließlich die Gründung meines eigenen Unternehmens. Das stimmt alles. Aber es ist nicht meine ganze Geschichte.

Meine Geschichte beginnt nicht mit einem Titel

Sie beginnt auf der Hauptschule. Danach folgte die Ausbildung zum Gießereimechaniker. Ich lernte früh, was körperliche Arbeit bedeutet, wie sich Hitze, Lärm und Verantwortung anfühlen und dass Anerkennung nicht durch Worte entsteht, sondern durch Verlässlichkeit und Leistung.

Mein Weg führte weiter über die Berufsaufbauschule und die Fachoberschule bis zum Studium der Werkstofftechnik. Später kamen Führungsaufgaben, internationale Weiterbildungen und unternehmerische Verantwortung hinzu. Rückblickend wirkt das auf dem Papier wie eine klare Entwicklung. In Wahrheit war es kein gerader Weg. Es war eine Folge von Entscheidungen, Zweifeln, Lernschritten und neuen Anfängen.

Damals wusste ich nicht, wohin mich dieser Weg führen würde. Ich wusste nur, dass ich selbst losgehen musste, wenn ich weiterkommen wollte. Niemand würde mir den nächsten Schritt abnehmen.

Mein Lebenslauf erzählt von Positionen. Mein Leben erzählt von Lernschritten. Die wichtigsten davon stehen in keinem Zeugnis.

Herkunft prägt Haltung

Wer selbst in der Produktion gearbeitet hat, verliert den Respekt vor den Menschen dort nicht. Vielleicht fällt es mir deshalb bis heute leicht, mit einem Produktionsmitarbeiter genauso selbstverständlich zu sprechen wie mit einem Vorstandsvorsitzenden. Beide tragen Verantwortung. Beide verdienen Respekt. Und beide haben eine Geschichte, die auf keiner Visitenkarte vollständig sichtbar wird.

Meine Herkunft hat mich nicht begrenzt. Sie hat meinen Blick geschärft. Sie hat mir gezeigt, dass Titel wenig über den Wert eines Menschen aussagen und dass gute Führung dort beginnt, wo man anderen auf Augenhöhe begegnet.

Die schwersten Jahre kamen nicht am Anfang

Wenn ich heute auf die vergangenen sieben Jahre zurückblicke, waren sie die schwersten meines bisherigen Lebens. Beruflich, unternehmerisch, gesundheitlich und persönlich. Das Überraschende daran ist nicht, dass sie schwer waren. Es ist der Zeitpunkt.

Viele Menschen gehen davon aus, dass die größten Herausforderungen am Anfang einer Laufbahn liegen. Ich habe es anders erlebt. Die schwierigsten Jahre kamen, nachdem ich bereits vieles erreicht hatte. Mit jedem Schritt wuchs die Verantwortung. Nicht nur für mich, sondern für Mitarbeitende, Kunden, Partner und Menschen, die auf meine Entscheidungen vertrauten.

Unternehmertum wirkt von außen oft wie Freiheit, Gestaltung und Erfolg. Von innen fühlt es sich häufig wie Verantwortung an. Und Verantwortung kennt keinen Feierabend. Es gibt Entscheidungen, die bis tief in die Nacht begleiten. Es gibt Tage, an denen man Zuversicht vermittelt, obwohl man selbst gerade nach Orientierung sucht. Und es gibt Momente, in denen die Gesundheit plötzlich wichtiger wird als Wachstum.

Stärke ist keine automatische Folge von Krisen

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“
Friedrich Nietzsche

Lange Zeit fand ich diesen Satz überzeugend. Heute lese ich ihn differenzierter.

Schwere Zeiten machen einen nicht automatisch stärker. Sie zwingen einen aber, Fähigkeiten zu entwickeln, die man sonst nie gebraucht hätte.

Ich habe gelernt, Unsicherheit auszuhalten, ohne die Handlungsfähigkeit zu verlieren. Ich habe gelernt, Entscheidungen zu treffen, obwohl nicht alle Antworten vorlagen. Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen, Verantwortung zu teilen, loszulassen und zu akzeptieren, dass sich nicht alles planen oder kontrollieren lässt.

Manche Krisen machen müde. Manche hinterlassen Narben. Manche verändern einen dauerhaft. Deshalb halte ich wenig davon, schwierige Zeiten im Nachhinein zu verklären. Nicht jeder Verlust braucht einen höheren Sinn. Nicht jeder Rückschlag wird später zur Erfolgsgeschichte.

Doch jede schwere Phase stellt Fragen, denen man in ruhigen Zeiten ausweichen kann: Was trägt wirklich? Wem vertraue ich? Wofür übernehme ich Verantwortung? Und wer bin ich, wenn das Leben nicht nach Plan läuft?

Demut relativiert Leistung nicht

Die vergangenen Jahre haben mir vor allem Demut beigebracht. Für mich bedeutet Demut nicht, die eigene Leistung kleinzureden. Sie bedeutet, sie richtig einzuordnen.

Erfolg entsteht nie ausschließlich durch die eigene Arbeit. Er entsteht durch Mitarbeitende, die Verantwortung übernehmen, durch Kunden, die Vertrauen schenken, durch Partner, die verlässlich bleiben, und durch Familie und Freunde, die da sind, wenn niemand applaudiert. Manchmal gehört auch Glück dazu: der richtige Mensch, die richtige Entscheidung oder der richtige Moment.

Demut ist deshalb keine Schwäche. Sie ist die Fähigkeit, den eigenen Anteil zu kennen, ohne die Beiträge der anderen zu übersehen.

Was das mit Personalberatung zu tun hat

Seit mehr als 25 Jahren arbeite ich mit Menschen, Unternehmen und Führungspersönlichkeiten. Früher habe ich Lebensläufe stärker als Abfolge von Stationen gelesen. Heute achte ich genauer auf das, was zwischen den Zeilen steht.

Mich interessiert nicht nur, welche Position jemand erreicht hat. Mich interessiert, welche Entscheidungen ein Mensch treffen musste, welche Rückschläge er erlebt hat und wie er mit Verantwortung umgegangen ist, als der Ausgang noch offen war.

Ein geradliniger Lebenslauf kann beeindruckend sein. Er ist aber kein Beweis für Urteilskraft, Haltung oder Führungsstärke. Brüche machen einen Menschen ebenfalls nicht automatisch besser. Sie zeigen jedoch oft, ob jemand reflektieren, neu beginnen und nach schwierigen Erfahrungen wieder Verantwortung übernehmen kann.

Die wichtigsten Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit entstehen selten in den einfachen Jahren. Sie zeigen sich in schwierigen Gesprächen, in Krisen, in Fehlentscheidungen und in Situationen, in denen niemand eine perfekte Lösung bereithält.

Unsere Gesellschaft verwechselt Sichtbarkeit mit Bedeutung

Wir leben in einer Zeit, in der Ergebnisse sofort sichtbar sein sollen. Karrieren werden öffentlich inszeniert, Wachstum wird in Zahlen gemessen und Erfolg auf kurze Botschaften verdichtet. Was nicht in ein Profil, einen Post oder eine Kennzahl passt, verschwindet leicht aus dem Blick.

Doch Persönlichkeit entsteht nicht im öffentlichen Moment. Charakter wächst langsam, oft leise und häufig in den Jahren, die niemand freiwillig ausgewählt hätte.

Unsere Wirtschaft sucht schnelle Lösungen, perfekte Profile und sofortige Wirkung. Gleichzeitig braucht sie Führungskräfte, die Widersprüche aushalten, Entscheidungen verantworten und Menschen auch dann Orientierung geben, wenn der Weg nicht eindeutig ist. Diese Fähigkeiten entstehen nicht in Seminaren allein. Sie entstehen durch Erfahrung.

Der Blick nach vorn

Vor einigen Tagen las ich zufällig, dass für manche Sternzeichen nach sieben schweren Jahren eine neue Phase beginnen soll. Ich glaube nicht an Astrologie. Aber ich glaube an Erfahrungen, an Entscheidungen und daran, dass wir bestimmen, wie wir den nächsten Abschnitt unseres Lebens gestalten.

Die vergangenen sieben Jahre haben mich nicht definiert. Sie haben mich geprägt. Sie haben meinen Blick auf Erfolg, Verantwortung, Gesundheit, Führung und Menschen verändert.

Heute richte ich den Blick nach vorn. Nicht, weil ich davon ausgehe, dass der Weg leicht wird. Sondern weil ich weiß, warum ich ihn gehe.

Was in einem Lebenslauf steht, zeigt, wo ein Mensch war. Was darin fehlt, zeigt oft, wer er geworden ist.

Markus Ley ist Gründer und Geschäftsführer der LeySelect GmbH. Seit mehr als 25 Jahren begleitet er Unternehmen und Führungspersönlichkeiten in Fragen der Besetzung, Entwicklung und unternehmerischen Verantwortung.

Führung beginnt mit dem Menschen

Bei LeySelect betrachten wir nicht nur Stationen und Titel. Wir suchen Persönlichkeiten, die Verantwortung übernehmen, reflektiert entscheiden und zu Unternehmen, Aufgaben und Menschen passen. Kein Match ohne Mensch.

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