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Juglar-Zyklus – der Markt korrigiert gerade unsere Illusion von Stabilität

Der Eindruck von Stabilität war lange real. Niedrige Zinsen, berechenbare Märkte, verlässliche Energiepreise und eine kontinuierliche wirtschaftliche Entwicklung haben über Jahre ein Umfeld geschaffen, in dem viele Unternehmen gelernt haben, unter konstanten Bedingungen zu arbeiten. Prozesse wurden darauf ausgelegt. Entscheidungen konnten vertagt werden. Führung musste selten unter echtem Druck funktionieren. Diese Phase ist vorbei. Wenn man die wirtschaftliche Entwicklung der letzten 15 Jahre nüchtern betrachtet, folgt sie einem bekannten Muster. Nach dem Einbruch im Jahr 2009 mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,7 % entwickelte sich eine lange Wachstumsphase bis etwa 2017. Seit 2018 sehen wir eine schrittweise Abschwächung, unterbrochen durch externe Schocks wie Corona, Energiekrise und Inflation. Seit 2023 bewegt sich die deutsche Wirtschaft in einer Phase der Stagnation.

Quelle: Statistisches Bundesamt – Bruttoinlandsprodukt

Das entspricht dem, was der sogenannte Juglar-Zyklus beschreibt: wirtschaftliche Entwicklungen verlaufen in wiederkehrenden Investitionszyklen von etwa sieben bis elf Jahren mit Phasen von Wachstum, Übertreibung und anschließender Korrektur. Einordnung: Juglar cycle Korrektur bedeutet dabei nicht Krise. Korrektur bedeutet Anpassung. Und genau diese Anpassung findet gerade statt.

Industrie 4.0 und KI: Die Spielregeln verändern sich gleichzeitig

Was die aktuelle Phase von früheren Zyklen unterscheidet, ist ein zusätzlicher Faktor: die technologische Transformation. Mit dem Fortschritt von KI und datengetriebenen Systemen verändert sich nicht nur, wie Unternehmen arbeiten, sondern auch, wie Entscheidungen getroffen werden und welche Rollen überhaupt noch notwendig sind. Das ist kein Zukunftsszenario. Das passiert bereits. Gleichzeitig entstehen wirtschaftliche Spannungen nicht im luftleeren Raum. Die aktuellen Kostenentwicklungen sind kein kurzfristiger Ausreißer. Sie sind das Ergebnis geopolitischer Spannungen, unterschiedlicher Wirtschaftssysteme und einer globalen Ordnung, die zunehmend unter Druck gerät. Die aktuellen Spannungen betreffen dabei nicht nur Märkte. Sie zeigen auch, wie wenig langfristige Verantwortung in vielen Entscheidungen eine Rolle spielt – wirtschaftlich wie ökologisch. Unternehmen stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen sich wirtschaftlich anpassen und gleichzeitig ihre Organisation auf neue Anforderungen durch Technologie ausrichten. Strukturen, die in stabilen Phasen funktioniert haben, geraten unter Druck.

Der Arbeitsmarkt zeigt, wo diese Anpassung nicht stattgefunden hat

Der Arbeitsmarkt macht diese Entwicklung sichtbar. Deutschland hatte zuletzt rund 45,9 Millionen Erwerbstätige. Gleichzeitig lag die Zahl offener Stellen laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeitweise bei über einer Million. Quelle: IAB – Daten zum Arbeitsmarkt Das wird häufig als Fachkräftemangel beschrieben. In der Praxis greift diese Erklärung zu kurz. Ich habe dazu eine Umfrage durchgeführt mit der Frage: „Was wird im Recruiting aktuell unterschätzt – und hat den größten Einfluss?“ Das Bild ist eindeutig: Anspruch und Realität gehen auseinander, Prozesse sind zu langsam, Gespräche sind nicht klar genug und Rollen sind intern nicht sauber definiert.

Ein Blick in die Praxis

Die Grafik macht sichtbar, was in der täglichen Arbeit längst Realität ist. Die größten Herausforderungen liegen nicht im Markt, sondern innerhalb der Organisation. Wenn Anspruch und Realität nicht zusammenpassen, entsteht Unsicherheit. Wenn Prozesse zu lange dauern, verliert das Unternehmen Geschwindigkeit. Wenn Gespräche nicht klar geführt werden, entstehen falsche Erwartungen. Und wenn Rollen nicht sauber definiert sind, wird jede Entscheidung schwierig.

Die eigentliche Korrektur findet im Unternehmen statt

Die aktuelle Phase korrigiert nicht nur Märkte. Sie korrigiert Strukturen. Viele Unternehmen haben über Jahre hinweg mit impliziten Annahmen gearbeitet. Entscheidungen wurden vertagt, weil es möglich war. Rollen blieben unscharf, weil der Druck gering war. Führung funktionierte oft situativ, weil das Umfeld stabil genug war. Diese Annahmen tragen heute nicht mehr. Der Markt zwingt Unternehmen gerade dazu, diese Punkte konkret zu klären. Nicht theoretisch, sondern operativ – in laufenden Prozessen, in Besetzungen und in echten Entscheidungen.

Nachfolge wird zum Stresstest

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung im Thema Unternehmensnachfolge. Bis 2026 stehen laut KfW rund 190.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland vor einer Nachfolgeregelung. Quelle: KfW Research – Unternehmensnachfolge Diese Übergaben finden nicht mehr in einem stabilen Umfeld statt. Sie finden in einer Phase statt, in der sich Markt und Technologie gleichzeitig verändern. Nachfolge ist damit keine reine Übergabe mehr. Sie ist eine Anpassungsleistung.

Warum klassische Besetzung nicht mehr ausreicht

Viele Unternehmen versuchen weiterhin, diese Herausforderungen über einzelne Besetzungen zu lösen. Das greift zu kurz. Ein Kandidat kann eine funktionierende Struktur verstärken. Er kann aber keine fehlende Struktur ersetzen. Wenn Rollen unklar sind, wenn Erwartungen nicht abgestimmt sind und wenn Entscheidungswege nicht funktionieren, wird jede Besetzung instabil – unabhängig von der Qualität der Person.

Unsere Rolle als LeySelect GmbH

Genau an dieser Stelle setzen wir an. Wir verstehen Besetzungen nicht als isolierten Prozess. Eine Position lässt sich nur dann sinnvoll besetzen, wenn die Organisation dahinter tragfähig ist. Deshalb beginnen wir nicht mit der Suche, sondern mit der Klärung. Wir arbeiten mit unseren Mandanten heraus, wie eine Rolle tatsächlich funktioniert. Wir sprechen über konkrete Entscheidungswege, über Erwartungen zwischen Gesellschaftern, Geschäftsführung und operativen Einheiten und darüber, woran Erfolg in dieser Position gemessen wird. Dabei gehen wir bewusst in die Punkte hinein, die im Alltag oft offenbleiben. Wenn Anspruch und Realität auseinanderliegen, wird das geklärt. Wenn Prozesse nicht funktionieren, wird das sichtbar gemacht. Wenn eine Rolle nicht eindeutig ist, wird sie präzisiert. Erst auf dieser Grundlage gehen wir in den Markt. Das führt nicht zu mehr Komplexität, sondern zu besseren Entscheidungen. Denn die Erfahrung ist eindeutig: Eine Besetzung scheitert selten an der Person. Sie scheitert an den Rahmenbedingungen, in denen sie wirken soll.

Fazit

Der Juglar-Zyklus erklärt, warum wir uns in einer Phase der Korrektur befinden. Die technologische Entwicklung durch KI erklärt, warum diese Korrektur tiefgreifender ist als in früheren Zyklen. Der Arbeitsmarkt zeigt, wo Anpassung bereits stattgefunden hat – und wo nicht. Die Illusion von Stabilität wird gerade korrigiert. Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich Dinge verändern. Die entscheidende Frage ist, wer bereit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen.

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